Altwerden ist hässlich. Altwerden macht heiß und kalt. Altwerden macht Falten und Hängebrüste. Wenn Frau in die Wechseljahre kommt, stirbt mit dem Blick in den Spiegel und der Libido meist auch die Hoffnung auf ein Altern in Würde und Schönheit. Bleibt nur noch, den Lauf der Zeit zu akzeptieren, mit dem weiten Pulli die Fettpolster zu verstecken und seine neue Rolle der werdenden Großmutter anzunehmen. So das Klischee. Davon ist auch die 28jährige Filmemacherin Carolin Genreith überzeugt,dementsprechend empört ist sie, als sie mitten in ihrer Quarter-Life-Crisis in ihre Heimat, die Nordeifel, zurückkehrt, und dort das neue Hobby ihrer Mutter entdeckt: Bauchtanz!


Carolins Mutter und ihre Freundinnen legen einmal in der Woche ohne Hemmungen ihre Kleider ab, ziehen sich bunte Kostüme an und werden wild. Sie lassen ihre Hüften kreisen und die Bäuche rollen, sehen dabei wunderschön aus – und strotzen zudem auch noch vor Selbstbewusstsein! Und das in einem Alter, in dem andere Frauen sich Nordic-Walking-Stöcke und Bauchwegstrumpfhosen kaufen. Die Regisseurin, erst irritiert, dann zunehmend fasziniert, nähert sich als neurotische Vertreterin ihrer Generation der eigenen Mutter und zwei ihrer Freundinnen in persönlichen Portraits an und lernt dabei ganz unterschiedliche Lebensmodelle kennen: Marita, die die Bauchtanzgruppe vor zwei Jahrzehnten gründete, ist schon seit 37 Jahren - tatsächlich glücklich - verheiratet.


Birgit verarbeitet einen schweren Schicksalsschlag in ihrer Malerei und findet in ihren Bauchtanzfreundinnen eine Konstante, die ihr Kraft gibt. Und als Biggi, die Mutter der Autorin, in die Wechseljahre kommt ist, fängt sie noch einmal ein ganz neues Leben an: Sie beendet nach 25 Jahren ihre Ehe, verlässt den Bauernhof, auf dem sie bis dahin gelebt hat; sie verliebt sich neu und fängt nicht nur mit dem Bauchtanzen an, sondern auch damit, endlich einmal an sich zu denken. Zusammen mit der Regisseurin lernt der Zuschauer die Frauen und deren gemeinsame Lebensphase sehr gut kennen. Wie schlimm ist das Älterwerden, sind die Falten, die Hitzewallungen für die, die sie haben? Genauso schlimm wie für die, die sie sich vorstellen? Carolin Genreith bemerkt: nicht ihre Mutter und ihre Freundinnen haben Probleme mit dem Älterwerden - sie selbst ist es, die Panik hat!


Auch auf ihre verhasste Heimat wirft die Regisseurin noch einmal einen neuen Blick: Ist das hier wirklich so schlimm, wie sie als Jugendliche dachte? Oder könnte sie hier vielleicht sogar finden, wonach sie in ihrer Wahlheimat Berlin seit Jahren vergeblich sucht? Dann nähert sich für die Frauen wieder der Höhepunkt des Jahres: Bauchtanz auf den Straßen von Paris. Und erst hier lässt sich die Regisseurin überzeugen: tanzend fühlt sich das mit dem Älterwerden gar nicht mehr so schlimm an ...


DIE MIT DEM BAUCH TANZEN ist eine Geschichte über die Lust am Leben, die Schwierigkeiten der Wechseljahre und über die Kunst, die Angst vor dem Alter mit einem gekonnten Hüftschwung in die Flucht zu schlagen.
Die Regisseurin Carolin Genreith wirft in ihrem sehr persönlichen Erstlingswerk einen ironischen wie liebevollen Blick auf ihre Müttergeneration und – nicht zuletzt – auf die eigene Generation mit ihren Sehnsüchten und Ängsten.


BUCH & REGIE Carolin Genreith
KAMERA Philipp Baben der Erde
SCHNITT Stefanie Kosik
TON Andreas Prescher
MUSIK Fabian Saul, Rafael Triebel
TITEL Thomas Schmidl
SOUNDDESIGN Henning Hein
MISCHUNG Tilo Busch
POSTPRODUKTION Rombach und Partner
FARBKORREKTUR Günter Berghaus
PRODUKTIONSASSISTENZ Florian-Malte Fimpel
FILMGESCHÄFTSFÜHRUNG Bernhard Rand
REDAKTION Jutta Krug, Enno Hungerland
PRODUZENTEN Erik Winker, Martin Roelly,
Andreas Brauer

Die Eifel ist meine Heimat. Das wollte ich eigentlich nie wahrhaben, vor allem nicht, als ich selbst dort gelebt habe. Ich wollte nichts zu tun haben mit den Kühen auf den Wiesen und dem Schützenverein und der Schützenkönigin, mit den Dorfproleten in ihren tiefergelegten Kleinwagen, mit dem Karneval, wo sich alle betranken und in den Armen lagen und sangen: „Was willst du denn woanders, wenn du deine Heimat, ja, die Eifel noch nicht kennst“ Erst nach Jahren, die ich in Städten gelebt und nach anderen „Zuhausen“ gesucht habe, bemerkte ich, dass es für mich doch so etwas gibt wie ein Heimatgefühl. Plötzlich hatte die Stagnation der Nordeifel, die immer gleichen Feste, die Eintönigkeit, die Tratscherei der Dorffrauen an der Fleischtheke etwas ungeheuer Rührendes. Weil die Welt der Nordeifel so klein ist. Weil meine Mutter Frikadellen und Kartoffelpüree für mich kocht, Apfelkuchen backt und alles riecht und schmeckt und aussieht wie in den ersten Erinnerungen meines Lebens. Das überschaubare, berechenbare und beschützte Leben. Und damit so anders als das in Berlin oder anderswo.


Einen Film machen, in dem ich von meiner Heimat erzählen kann, wollte ich schon lange, nur fehlte mir dafür immer die passende Geschichte. Bis zu einem Heimaturlaub im Sommer 2010. Als meine Mutter mich damals zum ersten Mal zu einer Bauchtanzprobe mitnehmen wollte, habe ich gestreikt. Ich sagte original: Ich tanze nicht mit nacktem Bauch und zwanzig Omas Bauchtanz.


Ich weiß nicht warum, aber ich bin dann doch mit gegangen. Und war baff. Ich konnte nicht wegsehen von den kreisenden Hüften, den wippenden Brüsten, dem Lachen in den Gesichtern der Frauen. Und mir fiel auf, mit welchem Selbstbewusstsein die Frauen sich selbst im Spiegel ihres Probenraums beim Tanzen ansehen konnten. Ich konnte das nicht. Ich sah beim verkrampften Tanzen auf meine Füße, auf den Boden, auf die Bewegungen der Frau vor mir - bloß nicht mir selbst ins Gesicht.


Die Frauen verzauberten mich damals innerhalb von Minuten. Ich dachte mir, wenn man nur einen Bruchteil ihrer Energie in einem Film transportieren könnte, würde das ein guter. Gleichzeitig war ich aber überzeugt davon, dass hinter der ganzen Energie, hinter dem Getanze und dem Sekt-Trinken auf die ewige Jugend eine ganz tiefe Angst steckt. Eine Angst vor dem Älterwerden, dem Gebrechlichwerden, dem Unattraktivwerden. Und genau diese Eindrücke fand ich bei der allersten Tanzprobe so interessant, dass ich auf dem Heimweg zu meiner Mutter sagte: "Ich mache einen Film über euch". Meinen ersten.


Die Regisseurin Carolin Genreith wirft in ihrem sehr persönlichen Erstlingswerk einen ironischen wie liebevollen Blick auf ihre Müttergeneration und – nicht zuletzt – auf die eigene Generation mit ihren Sehnsüchten und Ängsten. Ich dachte, beim Drehen decke ich es schon auf, das große Unheil, die Angst, die doch mindestens genauso riesig sein muss wie meine eigene, wenn ich an die 40, ach was, an die 30 denke.


Und dann fing ich an zu drehen und merke: Meiner Mutter und ihren bauchtanzenden Freundinnen geht es gut, sie machen mir ihr Glück im Alter nicht vor. Das Problem mit den Falten, den Winkearmen und den Hängebrüsten haben gar nicht die, sondern ich! Und noch etwas Anderes brachte mich zum Nachdenken: Meine Mutter erzählte mir, dass sie erst jetzt, in ihrem zweiten Leben, wirklich glücklich und bei sich sei, und dass sie das, als sie so alt wie ich war, nie gewesen war. Eine Parallele, die mich gleichzeitig berührt und mir Hoffnung macht - darauf, dass ich mit dem Älterwerden auch zufriedener werden kann. Vielleicht muss man vor dem Alter keine Panik haben. Vielleicht kann man sich auch einfach ein bisschen darauf freuen. Vielleicht schafft man es sogar irgendwann, sich selbst, sein Leben, sein Alter so zu feiern wie das meine Mutter und ihre Bauchtanzfreundinnen jedes Jahr auf den Straßen und in den Bars von Paris tun.


"Die mit dem Bauch tanzen" sollte eigentlich ein 45minütiger Film über die Tücken der Wechseljahre für das WDR-Format "Menschen Hautnah" werden – und ist für mich nach einem unerwarteten Redaktionswechsel während des Drehs und drei Jahreszeitenwechsel im Schnittraum ein sehr persönlicher Heimatfilm, ein Sehnsuchtsfilm, ein Erwachsenwerden-Film geworden.


Carolin Genreith wurde am 22. September 1984 in Aachen geboren und ist in der Nordeifel aufgewachsen. Nach dem Abitur wohnte sie ein Jahr lang in London, zog 2005 nach Berlin, wo sie zwar Fernsehjournalismus studierte, aber bald Herz und Hirn an das Kino und den Dokumentarfilm verlor. Sie arbeitete in einem Berliner Programmkino und als Autorin und Regieassistentin für Schramm-Matthes-Film, Douglas Wolfsperger Filmproduktion und für die Ulmen Television. "Die mit dem Bauch tanzen" ist ihr erster langer Dokumentarfilm und spielt – wo sonst – in ihrer Heimat, der Eifel.


FILMOGRAFIE
ALS REGIEASSISTENTIN
2009 NOCHMAL RICHTIG GAS GEBEN
Dokumentation, 30 Minuten
Regie: Andrea Schramm, im Auftrag des ZDF

2010 POLYAMORIE – WENN MAN MEHR ALS EINEN LIEBT
Dokumentation, 30 Minuten
Regie: Andrea Schramm, Jana Matthes, im Auftrag des ZDF

2010 DER ACHTE SOMMER
Dokumentarfilm, 90 Minuten
Regie: Andrea Schramm, im Auftrag von WDR und 3Sat

2011 DOPPELLEBEN
Kinodokumentarfilm, 86 Minuten
Regie: Douglas Wolfsperger
ALS REGISSEURIN UND AUTORIN
2013 DIE MIT DEM BAUCH TANZEN
Dokumentarfilm, 80 Minuten
Produktion: HUPE Film-und
Fernsehproduktion, Im Auftrag des WDR

2011 EIN TRÖPFCHEN TRAUM
Dokumentarfilm, 28 Minuten,
selbst produziert